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Märchen

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Cherry von Zennor

Auf den Felsen von Tereen in Zennor stand eine kleine Hütte, die aus zwei Zimmern und einem Alkoven bestand. Dort wohnte der alte Honey mit Weib und Kindern, zehn an der Zahl, welche alle dort geboren und erzogen worden waren. Sie lebten, so gut es ging, von dem Erträgnis der wenigen Morgen Landes. Der Boden war so dürftig, dass selbst eine Ziege nur mit Not darauf gedeihen konnte. Die vielen Schalen von Teller- und Herzmuscheln, die man auf Schritt und Tritt sah, ließen fast vermuten, dass die Familie sich hauptsächlich von solchen nährte, doch hatten sie täglich Fische und Kartoffeln, ja, an manchen Sonntagen kam sogar Suppe und Schweinefleisch auf den Tisch. Zu Weihnachten und an anderen Festtagen hatten sie weißes Brot. In der ganzen Gemeinde gab es keine gesünderen und schöneren Kinder als die des alten Honey. Doch werden wir uns nur mit einer seiner Töchter, mit Cherry, beschäftigen. Diese war flink wie ein Hase und immer lustig und guter Dinge.

Wenn der Müllerbursche ins Dorf kam und sein Pferd an den Schober trockenen Ginsters band, um nachzufragen, ob jemand Korn in die Mühle zu schicken habe, so saß sie in einem Augenblick auf dem Rücken des Pferdes und galoppierte zu den Felsen hinüber. Wenn der Müllerbursche ihr bis zu der zerklüfteten Küste nacheilte, so ritt sie die Steinhügel hinauf, und der schnellste Hund hätte sie nicht einholen können, der Müllerbursche aber schon gar nicht.

Als Cherry das dreizehnte Jahr überschritten hatte, wurde sie immer unzufriedener. Ein Jahr nach dem anderen versprach ihr die Mutter ein neues Kleid, dass sie so hübsch wie die anderen zur Messe nach Morva gehen könnte, aber jedes Mal fehlte das nötige Geld dazu, und Cherry hatte kein anständiges Kleid anzuziehen. Sie konnte weder zum Jahrmarkt, noch zur Kirche gehen.

So war Cherry sechzehn Jahre alt geworden. Eine ihrer Spielgefährtinnen hatte ein neues Kleid mit reichem Bänderschmuck bekommen und erzählte ihr, wie sie bei der Predigt in Nancledry gewesen sei, und wie viele Anbeter sie nach Hause begleitet hätten. Das erfüllte die vergnügungssüchtige Cherry mit fieberhafter Sehnsucht. Sie erklärte ihrer Mutter, dass sie sich im Unterlande einen Dienst suchen wolle, damit sie sich anständige Kleider anschaffen könne wie andere Mädchen.

Ihre Mutter wollte nun, dass sie nach Towednack ginge, damit sie hie und da Gelegenheit hätte, sie Sonntags einmal zu sehen.

»Nein, nein!« erwiderte Cherry, »ich denke nicht daran, zu Leuten zu gehen, wo die Kuh vor lauter Hunger am Glockenstrang nagt, und wo man tagaus, tagein nichts als Fische und Kartoffeln und am Sonntag höchstens zur Abwechslung Aalpastete bekommt.«

Eines schönes Morgens band sich Cherry ihr Bündel zusammen und machte sich auf den Weg. Zuvor versprach sie ihrem Vater, so nahe als möglich einen Dienst anzunehmen und bei der ersten Gelegenheit nach Hause zu kommen. Der alte Mann sagte, sie sei verhext, doch ließ er sie fort, nachdem er ihr noch auftrug, sich weder von Matrosen, noch von Seeräubern entführen zu lassen. Cherry ging die Straße entlang, welche nach Ludgvan und Gulval führte. Als der letzte Rauchfang von Tereen ihren Blicken entschwunden war, entsank ihr der Muth, und sie hatte große Lust, wieder umzukehren. Doch ging sie weiter.

Endlich kam sie zu einem Scheidewege, wo vier Straßen sich kreuzten; da setzte sie sich auf einen Stein hin und weinte und dachte an ihr Heim, das sie vielleicht nie wiedersehen würde.

Endlich beruhigte sie sich und beschloss, umzukehren und sich in ihr Schicksal zu fügen.

Als sie ihre Tränen trocknete und den Kopf hob, sah sie zu ihrer Überraschung einen Herrn auf sich zukommen. Sie begriff nicht, woher er so plötzlich gekommen war; noch vor wenigen Minuten war niemand auf den Hügeln zu sehen gewesen.

Der Herr sagte ihr »guten Morgen«, erkundigte sich nach dem Wege nach Towednack und fragte sie, wohin sie gehe.

Cherry erzählte ihm, dass sie heute morgens ihr Vaterhaus verlassen habe, um sich nach einem Dienst umzuschauen, dass ihr aber plötzlich der Muth entsunken sei und sie über die Hügel nach Zennor zurückkehren wolle.

»Welch unerwarteter, glücklicher Zufall!« rief der Herr aus. »Ich bin heute früh vom Hause fortgegangen, um ein nettes, sauberes Mädchen zu suchen, das mir die Wirtschaft führen soll, und da treff' ich dich.«

Er erzählte Cherry, dass er vor kurzem Witwer geworden sei und einen lieben kleinen Knaben habe, den sie zu beaufsichtigen hätte. Cherry passte ihm ganz ausgezeichnet. Sie war hübsch und sauber, und wenn ihr Kleid auch so geflickt war, dass man nicht erkennen konnte, welches der ursprüngliche Stoff gewesen sei, so war sie doch lieblich wie eine Rose.

Die arme Cherry verstand nicht den vierten Teil von dem, was der Herr zu ihr sprach, doch antwortete sie auf alles: »Jawohl, Herr.« Sie hatte es von ihrer Mutter gelernt, »Jawohl, Herr« dem Pfarrer oder jedem anderen Herrn zur Antwort zu geben, wenn sie ihn nicht verstand. Der Herr sagte ihr, er wohne nicht weit, im Unterlande, und sie würde nicht viel Arbeit haben, außer der Pflege des Kindes und dem Melken der Kuh. Cherry willigte also ein, mit ihm zu gehen.

Sie machten sich auf den Weg, und er sprach so freundlich zu ihr, dass sie gar nicht merkte, wie die Zeit verging, und ganz vergaß, welchen weiten Weg sie schon zurückgelegt hatte.

Endlich befanden sie sich zwischen zwei dichten Hecken; kaum dass hie und da ein Sonnenstrahl durch das Laubwerk drang. So weit Cherry sehen konnte, gab es nichts als Bäume und Blumen. Der Duft der Feldrosen und des Geißblattes erfüllte die Luft, und rote, reife Äpfel hingen an den Bäumen.

Dann kamen sie zu einem kristallhellen Bächlein, das quer über die Straße floss. Es war schon dunkel, und Cherry zögerte einen Augenblick und überlegte, wie sie wohl am besten das jenseitige Ufer erreichen könnte. Doch der Herr trug sie hinüber, so dass ihre Füße trocken blieben.

Der Weg wurde immer enger und dunkler, und sie schienen stark bergab zu gehen. Cherry hielt sich fest an dem Arm des Herrn an; da er so freundlich gegen sie war, hatte sie die Empfindung, dass sie so mit ihm bis ans Ende der Welt gehen könnte.

Nach einer Weile öffnete der Herr ein Thor, das in einen wunderschönen Garten führte, und sagte: »Hier, liebe Cherry, wohnen wir.«

Cherry traute ihren Augen kaum. Sie hatte noch nie eine solche Herrlichkeit gesehen. Blumen in den herrlichsten Farben umgaben sie; allerlei Früchte hingen an den Bäumen, und die Vögel jauchzten und jubelten. Die Großmutter hatte von Elfen und Geistern erzählt; war ihr Herr vielleicht einer von ihnen? Unmöglich. Er war so groß wie der Pfarrer. Und jetzt kam auch ein kleiner Junge den Kiesweg heruntergerannt und rief: »Papa, Papa!«

Das Kind schien zwei oder drei Jahre alt zu sein, doch hatte es einen seltsamen alten Ausdruck im Gesicht. Die Augen waren glänzend und hatten einen durchdringenden Blick, das ganze Gesicht verriet List. Cherry sagte von ihm, dass niemand seinen Blicken standhalten könnte.

Bevor sie noch ein Wort zu dem Knaben sprechen konnte, kam eine steinalte, dürre, hässliche Frau herbei; sie ergriff das Kind am Arm und zog es brummend und scheltend ins Haus. Dabei warf sie Cherry einen durchbohrenden Blick zu.

Als der Herr bemerkte, dass Cherry ein wenig außer Fassung geraten war, erklärte er ihr, dass die Alte die Großmutter seiner verstorbenen Frau sei, die nur so lange dableiben würde, bis Cherry sich ein wenig eingelebt haben würde; dann müsse sie fort, denn sie sei alt und launisch. Nachdem das junge Mädchen sich an dem Garten satt gesehen hatte, gingen sie in das Haus, das noch viel schöner war. Überall blühten die schönsten Blumen, und überall war heller Sonnenschein, und doch sah Cherry die Sonne nicht.

Mutter Prudence, so hieß die alte Frau, deckte den Tisch und trug verschiedene köstliche Gerichte auf. Nachdem Cherry sich herzhaft gestärkt hatte, hieß man sie zu Bette gehen, und zwar sollte sie mit dem Kinde in einem Dachzimmer schlafen. Prudence befahl ihr, jedenfalls, ob sie nun schlafe oder nicht, die Augen geschlossen zu halten, sonst könnte sie Dinge zu sehen bekommen, die ihr nicht gefallen würden. Auch dürfe sie die ganze Nacht hindurch nicht zu dem Kinde sprechen. Die Alte befahl ihr ferner, bei Sonnenaufgang aufzustehen und den Knaben an der Quelle im Garten zu waschen. Sodann sollte sie ihm die Augen mit einer Salbe bestreichen, die sich in einer Kristallbüchse in der Felsenspalte befand, keinesfalls aber dürfe sie sich die Augen damit berühren. Dann hatte sie die Kuh zu melken, und erst wenn ein Eimer damit voll war, von der letzten Milch dem Knaben eine Tasse voll zum Frühstück zu geben.

Cherry verzehrte sich vor Neugierde. Mehrmals begann sie an das Kind Fragen zu richten, dieses aber unterbrach sie jedes Mal mit der Drohung: »Ich werde es Mutter Prudence sagen.«

Früh morgens stand Cherry, den erhaltenen Befehlen gemäß, auf. Der kleine Knabe führte sie zu der kristallenen Quelle, welche aus einem Granitfelsen hervorquoll; dieser war mit Efeu und schönem Moos bewachsen. Sie wusch das Kind und bestrich seine Augen mit der Salbe. Ihr kleiner Schutzbefohlener sagte ihr, sie müsse nun die Kuh rufen.

»Pruit, pruit, pruit!« rief Cherry, und siehe da! eine schöne, große Kuh kam unter den Bäumen hervor und blieb bei Cherry stehen.

Kaum hatte sie die Hand an das Euter der Kuh gelegt, als vier Ströme von Milch rasch den Eimer füllten. Dann gab sie dem Knaben seine Tasse Milch, die er austrank. Darauf entfernte sich die Kuh, und Cherry kehrte ins Haus zurück, um sich in ihrem Tagewerk unterweisen zu lassen.

Mutter Prudence gab Cherry ein ausgezeichnetes Frühstück, dann befahl sie ihr, in der Küche zu bleiben und dort ihre Arbeiten zu verrichten: die Milch zu kochen, Butter zu machen und die Teller und Näpfe mit Wasser und Reibsand zu waschen. Sie riet ihr ferner, nicht neugierig zu sein, aus der Küche nicht fortzugehen und ja nicht zu versuchen, geschlossene Türen zu öffnen.

Am zweiten Tage, als Cherry mit ihrer täglichen Arbeit fertig war, hieß sie ihr Herr in den Garten kommen. Sie sollte ihm helfen, die Äpfel und Birnen abzunehmen und die Zwiebelbeete zu jäten.

Cherry war froh, aus der Nähe der Alten fortzukommen, denn diese schaute immer nur mit einem Auge auf die Strickerei, mit dem anderen durchbohrte sie die arme Cherry. Hie und da pflegte sie zu brummen: »Ich wusste es wohl, dass Robie irgend ein Närrchen aus Zennor mit heimbringen würde; es wäre besser für beide gewesen, sie wäre geblieben, wo sie war.«

Einige Tage darauf führte Prudence das junge Mädchen in den Teil des Hauses, den Cherry noch nicht gesehen hatte. Nachdem sie durch einen langen, dunkeln Gang geschritten waren, musste Cherry ihre Schuhe ablegen, und sie traten in ein Zimmer, dessen Boden aussah wie Glas; rings umher, auf dem Boden und auf Gestellen befanden sich große und kleine versteinerte Menschen. Manche waren in Lebensgröße, anderen fehlten die Arme, wieder andere hatte nur Kopf und Schultern. Cherry sagte der alten Frau, dass sie nicht um alle Schätze der Welt weitergehe; sie glaubte von Anfang an, dass sie sich im Elfenland befinde, wo nur ihr Herr ein Mensch sei wie andere, nun wusste sie, dass sie bei Zauberern sei, die all diese Menschen zu Stein verwandelt hatten. Sie hatte in Zennor davon reden hören und fürchtete, dass sie jeden Augenblick ins Leben zurückkehren und sie auffressen könnten.

Die alte Prudence lachte Cherry aus und zog sie weiter fort. Sie zwang sie, einen Kasten, der Cherry wie ein Sarg auf sechs Beinen erschien, zu reiben, bis sie ihr Gesicht darin sehen würde. Da Cherry nicht feige war, so begann sie herzhaft zu reiben; die alte Frau stand strickend dabei und sagte hie und da: »Reibe, reibe, reibe! Fester! Schneller!«

Verzweifelt rieb Cherry drauf los, so dass sie den Kasten fast umgestürzt hätte. Dieser gab nun einen solch kläglichen und gespenstischen Ton von sich, dass Cherry nicht anders glaubte, als dass all die steinernen Menschen lebendig geworden seien. In ihrem Schrecken fiel sie ohnmächtig nieder. Der Herr hörte das Geräusch und kam herbei, um nach der Ursache dieses Lärmes zu fragen. Er geriet in heftige Wut, dass Prudence Cherry in das verschlossene Zimmer geführt hatte, und jagte die Alte sofort aus dem Hause. Das junge Mädchen aber trug er in die Küche und brachte sie durch belebende Tropfen wieder zur Besinnung. Cherry konnte sich nicht an das Geschehene erinnern, nur Eines wusste sie, dass der andere Teil des Hauses Schreckliches barg. Doch nun war sie Herrin – die alte Prudence war fort. Ihr Herr war so freundlich und gut, dass ein Jahr wie ein einziger Sommertag dahinschwand. Manchmal verließ er für einige Zeit das Haus; wenn er dann wiederkam, so verweilte er oft und lange in dem verwunschenen Zimmer, und Cherry hörte deutlich, wie er mit den steinernen Menschen sprach. Trotzdem das junge Mädchen alles besaß, was das Menschenherz sich nur wünschen konnte, war sie doch nicht glücklich; sie hätte so gern mehr über das Haus und die Menschen darin erfahren. Sie hatte die Entdeckung gemacht, dass durch die Salbe die Augen des Kleinen hell und klar wurden, und es kam ihr oft vor, dass er mehr sähe als sie. Sie wollte auch einmal die Salbe versuchen!

Als sie am folgenden Morgen den Knaben gewaschen, seine Augen mit der Salbe bestrichen und die Kuh gemolken hatte, schickte sie ihn fort, Blumen für sie zu pflücken, dann bestrich sie ihr Auge mit der Salbe. Da empfand sie einen heftigen, brennenden Schmerz und eilte, um ihn mit kühlem Wasser zu lindern, zur Quelle unter dem Felsen. Und siehe da! auf dem Grunde des Wassers sah sie hunderte von kleinen Leuten, zumeist Weiblein, sich ergötzen, und ihr Herr war darunter, nicht größer als die anderen. Alles war nun verändert. Überall war das kleine Volk zu sehen, in den tauglänzenden Blumen, auf den Zweigen der Bäume, unter den Grashalmen. An diesem Tage zeigte sich ihr Herr gar nicht; erst des Abends kam er in seiner gewöhnlichen Gestalt nach Hause. Er begab sich in das verwunschene Gemach, und bald hörte Cherry die herrlichste Musik.

Am folgenden Morgen verließ der Herr im Jagdgewand das Haus. Nachts kehrte er zurück und begab sich sofort in sein Zimmer. So verging ein Tag wie der andere, bis Cherry es nicht länger mehr aushalten konnte. Sie guckte durchs Schlüsselloch, und da sah sie ihn mit einer ganzen Menge Damen; eine von ihnen war wie eine Königin gekleidet, die spielte auf dem Sarge, während die anderen sangen.

Am folgenden Tage blieb er zu Hause, um das Obst abzunehmen, und forderte sie auf, ihm dabei zu helfen. Darauf sagte sie, er möge sich von den kleinen Leuten helfen lassen, mit denen er sich immer unter dem Wasser unterhalte.

Da erkannte er, dass sie die Salbe benützt hatte. Sehr betrübt sagte er ihr nun, dass sie nach Hause gehen müsse, dass er keine Späher um sich dulden könne, und dass er Mutter Prudence wieder kommen lassen werde. Lange vor Tagesanbruch weckte er sie denn auch. Er schenkte ihr eine Menge Kleider und viele andere Sachen, nahm ihr Bündel in die eine und eine Laterne in die andere Hand und befahl ihr, ihm zu folgen. So gingen sie viele Meilen weit, immer bergauf, immer durch Hecken und enge Gänge. Als sie endlich auf die Ebene kamen, begann der Tag zu grauen.

Er nahm Abschied von ihr und sagte: »Das ist die Strafe für deine müßige Neugierde.«

Bei diesen Worten verschwand er.

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