Startseite | Gästebuch | Impressum | Kontakt | Datenschutz

Du befindest Dich hier: Startseite --> Märchen

Märchen

Werbung


Bénédicité

Einst lebten arme Leute, die einen Sohn, namens Bénédicité hatten. Achtzehn Jahre alt war er schon, doch noch nie vom Bette aufgestanden. Eines Tages sprach sein Vater zu ihm: »Bénédicité, steh auf. Es ist endlich einmal Zeit, dass du ans arbeiten denkst.«

Bénédicité stand auf und verdingte sich als Knecht bei einem Bauern in der Umgebung. Als Lohn bedingte er sich eine Ladung Getreide aus, die er nach Ablauf des Jahres erhalten sollte und verlangte, dass er nie vor fünf Uhr aufstehen brauche und nach Lust essen könne. Der Bauer ging auf diese Bedingungen ein.

Am folgenden Morgen mussten alle Hausbewohner schon um zwei Uhr aufstehen, da sie aus dem Walde Eichen holen sollten. Der Herr rief auch Bénédicité, doch dieser stellte sich taub und stand keine Minute früher oder später als zur festgesetzten Zeit auf. Die Bäuerin rief ihn, damit er seine Suppe verzehre und stellte ihm auch einen gehörigen Topf voll Suppe vor. – »Was,« schrie Bénédicité, »ist das alles? Ich brauche einen Kessel voll Suppe und vier Brotlaibe.« – Die Bäuerin schrie auf, doch da ihr Mann dem Diener versprochen hatte, dass er nach Hunger essen könne, so war sie genötigt, ihm das, was er wünschte, vorzusetzen.

Als Bénédicité gegessen hatte, befahl ihm der Bauer, die fünf besten Pferde aus dem Stall zu holen, sie in einen großen Wagen zu spannen und die anderen Knechte im Walde aufzusuchen. Bénédicité nahm die besten Pferde und fuhr in den Wald, doch gab er sich keine Mühe, die andern zu suchen. Er nahm vier Eichenstämme, legte sie auf seinen Wagen und wollte nun heimkehren, aber die Pferde waren nicht imstande, den Wagen von der Stelle zu bringen. – »Was, ihr wollt nicht ziehen!« schrie Bénédicité. – Er lud noch einen Eichenstamm auf und dann noch einen und peitschte auf das Gespann los. Aber alles schreien und schlagen half nichts, die Pferde kamen nicht von der Stelle. Er spannte sie aus, lud sie ebenfalls am Wagen auf und zog ihn selbst bis zum Bauernhaus. Die anderen Knechte, die schon vor Bénédicité ausgefahren waren, kamen, da sie ein mächtiger Fels aufhielt, erst lange Zeit nach ihm heim.

Der Bauer war erschreckt darüber, dass ein so starker Mann in seinen Diensten stehe. Er schickte Bénédicité aus, ihm einen Wald zu fällen, der zehn Morgen groß sei. Doch müsse er vor Abend fertig sein, sonst werfe er ihn hinaus. Bénédicité ging in den Wald und setzte sich am Fuße eines Baumes nieder. Als ihm gegen Mittag eine Magd seinen Kessel voll Suppe brachte, fand sie ihn schlafend. – »Was, du hast noch nicht zu arbeiten begonnen?« frug sie ihn. – »Kümmere dich um die Küche, aber nicht um mich,« antwortete er ihr. – Als sie ihm die Jause brachte, hatte er noch immer nicht angefangen, aber vor Abend war der ganze Wald gefallt und Bénédicité zurückgekehrt. Sein Herr kam aus dem Staunen gar nicht heraus.

Am nächsten Tag befahl er Bénédicité, die Nacht in einer Mühle, in der Geister umgingen und von der noch niemand zurückgekehrt war, zu verbringen. Bénédicité kam abends in die Mühle und richtete sich in der Küche häuslich ein. Um Mitternacht hörte er das Rasseln von Ketten. Ein Teufel stieg soeben den Kamin herab. – »Was willst du hier?« frug Bénédicité. Ohne eine Antwort abzuwarten, tötete er ihn. Am nächsten Morgen kehrte er wieder ins Bauernhaus zurück.

Da der Herr nicht wusste, wie er ihn loswerden könne, so schickte er ihn mit einem Brief zu seinem Sohn, der zu Besançon Hauptmann war. Dreißig Meilen waren bis dorthin. Bénédicité nahm ein Pferd, trug es fünfzehn Meilen weit auf den Achseln, dann setzte er sich darauf und ritt die übrigen fünfzehn Meilen. In Besançon angekommen, überreichte er dem Hauptmann den Brief des Bauern. Im Briefe stand, man möge den Überbringer gut aufnehmen, ihm soviel zu essen geben, als er wolle, ihn aber schließlich bei günstiger Gelegenheit töten.

Eines Tages als Bénédicité spazieren ging, schoss der Hauptmann auf ihn. Doch Bénédicité schüttelte sich nur und setzte ruhig seinen Weg fort. – »Wie befindest du dich, Bénédicité?« frug ihn der Hauptmann. – »Ganz gut, bis auf die Fliegen, die mich belästigen, aber nicht bösartig sind.« – Der Hauptmann ließ nun mit Kanonenkugeln auf ihn schießen, doch mit derselben Wirkung. Des Kampfes müde schickte er ihn wieder zum Bauern zurück.

Dieser befahl nun Bénédicité einen fünfhundert Fuß tiefen Brunnen, der seit fünfhundert Jahren verschüttet war, zu räumen. Bénédicité war damit bald fertig. Während er noch im Brunnen war, warf man, um ihn zu töten, einen tausend Pfund schweren Mühlstein auf ihn hinab. Dieser, der in der Mitte durchlocht war, fiel ihm auf die Schultern und bildete nun eine Art Halsband. Er selbst verspürte jedoch nicht das Geringste. Man warf hierauf eine zwanzigtausend Pfund schwere Glocke hinab, die auf seinen Kopf fiel. Alle glaubten, dass er tot sei, doch bald kam er aus der Tiefe des Brunnens herauf, riss sich die Glocke vom Kopf und sprach: »Hier ist meine Nachtmütze, beschmutzt sie mir nicht.« Dann nahm er den Mühlstein herab und rief: »Das ist meine Halskrause, ich muss sie mir für den nächsten Sonntag aufheben. Aber, lieber Herr, das Jahr ist um, nicht wahr?« – »Ja«, erwiderte der Bauer. – »Dann gib mir meine Ladung Getreide.«

Man gab ihm zwei Säcke. – »Was soll das heißen?« rief Bénédicité. »Ich kann mehr tragen.« – Man brachte weitere acht Säcke. – »Das trage ich mit dem kleinen Finger.« – Man brachte zweiunddreißig Säcke. – »Das ist gerade für zwei Finger.« – Der Bauer erklärte ihm nun, dass er ihm nicht mehr als hundert Säcke gäbe. Bénédicité war damit zufrieden, lud sich die Säcke auf und kehrte zu seinen Eltern zurück.