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Märchen

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Der junge Student, der sich vor dem Begrabenwerden fürchtete

Nach drei Jahren eifriger Studien an der Universität eines fremden Landes kam ein junger Student in seine Heimat zurück. Bald hatten seine reichen Eltern für ihn auch eine Braut von großer Schönheit und ebenso großem Reichtum gefunden. Der junge Student erlebte nun angenehme und glückliche Wochen. Da wurde er plötzlich von einem schweren Fieber befallen und lag bald trotz aller Bemühungen der besten Ärzte im Sterben. Er blickte noch einmal seine junge Frau an und sagte zu ihr: „Geliebte, ich fürchte mich nicht vor dem Sterben, aber ich habe Angst, begraben zu werden. Ich möchte auch nicht eingeäschert werden. So bitte ich dich, wenn du mich wahrhaft liebst, meinen toten Körper in eine Matte zu wickeln und auf den Friedhof zu legen.“ Dann starb er. Obwohl seine Eltern dagegen waren, befolgte die trauernde Witwe den letzten Wunsch des Verstorbenen. In jener Nacht hielten sich auf dem Friedhof zwei menschenfressende Bilumas auf und sprachen miteinander. „Oh“, meinte die eine, „der Wind um Mitternacht ist immer so kalt.“ „Sei doch nicht so einfältig!“, warf die andere ein. „Es ist doch vielmehr der Wind der Morgendämmerung, der uns so frieren lässt.“ Diese Bemerkungen ließen sie in einen heftigen Streit darüber geraten, welcher Wind kälter sei. Da sie zu keiner Einigung kamen, entschlossen sie sich, einen der Toten, die auf dem Friedhof lagen, wieder zum Leben zu erwecken. Sie schauten um sich und waren erfreut, als sie den toten Körper des jungen Studenten fanden. So brauchten sie sich nicht erst abzumühen, eines der Gräber zu öffnen. Nachdem sie mit Hilfe ihrer magischen Kräfte den jungen Studenten aus dem Reich des Todes zurückgerufen hatten, fragten sie ihn: „Wenn dir dein wiedergegebenes Leben etwas wert ist, dann sage uns, was kälter ist, der Wind um Mitternacht oder der Wind, der am Morgen bläst.“ „Ihr habt beide nicht recht“, antwortete der junge Student, „denn beide Winde sind gleich kalt.“ Beide Bilumas schauten finster drein und drohten dem jungen Studenten mit der Faust. Davon unbeirrt, sagte der Student: „Ihr habt beide recht, denn beide Winde sind gleich kalt.“ Daraufhin lächelten die zwei Bilumas, rühmten ihn als weisen Richter und gruben aus der  Erde zwei große Töpfe voll Gold, die sie ihm gaben. Als der nächste Tag graute, kehrte der junge Student mit den Goldtöpfen auf der Schulter zu seiner Frau zurück. Beide lebten glücklich miteinander und wurden einhundertundzwanzig Jahre alt. Euch aber, ihr Herren Richter, sei geraten: ein Richter entscheide ohne jede Furcht und ohne jede Begünstigung. Dennoch sollte er sein Urteil in freundlichen, nicht aber in harten Worten verkünden. Im Fall des jungen Studenten war die erste Entscheidung der zweiten gleich. Aber man beachte, dass beide Hilus verärgert waren, als sie hörten, ihre Meinungen seien falsch, jedoch Freude empfanden, als ihnen gesagt wurde, sie hätten beide recht. Ein kluger Richter ist entschieden und zugleich milde.

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